Irene und Hans Ebermann (2005)

Mit dem Kamel durch die Wüste

Warum wollt ihr euch ausgerechnet an Weihnachten auf ein Kamel setzen und drei Tage durch die jemenitische Wüste reiten? Das war die häufigste Frage unserer Freunde und Bekannten, als wir von unserem Vorhaben einer Kameltour erzählten. Im Vordergrund stand natürlich das Interesse, die Wüste zu erleben, zu schmecken und zu betasten anstatt mit dem Landcruiser nur hindurch zu rasen. Dann war es aber auch und vor allem der Wunsch nach einem Alternativprogramm zum hiesigen Weihnachtsrummel - ohne freilich das Fest zu vergessen, denn schließlich eilten ja die Drei Weisen aus dem Morgenland an die Krippe und waren vor ihrer Überführung nach Köln in Azzan im Wadi Mayfa’ah beerdigt.

Als wir auf dem Parkplatz des Hotel Bilquis in Marib dabei waren, unsere Koffer auf dem Auto zu verstauen, lernten wir unseren Beduinen Führer Mubarak kennen. Das war zwar noch nicht die Begegnung mit der Wüste aber mit einem ihrer Söhne. Seine Figur ergab eine atypisch gut genährte Silhouette, in seinem Gesicht stand der Schalk; er schien das Leben zu genießen, keine Anzeichen eines entbehrungsreichen Wüstendaseins. Später lernten wir seine beiden Frauen und die Kinder kennen.

Bald war das Gepäck verschnürt, ein letzter Blick in die mit einem Plastik - Weihnachtsbaum verzierte Hotelhalle und los ging’s. Schnell erreichten wir die Asphaltstraße in Richtung Hadramaut. Bei Safir befindet sich die Verladestation des im Jemen gewonnenen Erdgases. Hunderte von Gastankfahrzeugen transportieren das Gas in Zwischenläger im In- und Ausland. In einer der Fernfahrerkneipen werden wir richtig gut versorgt während wir fasziniert dem lautstarken Palaver der vielen Fernfahrernationalitäten lauschen.
Bevor wir in die Wüste abbiegen, passieren wir einen letzten Kontrollposten, der uns breit grinsend mit einer Aufzählung aktueller deutscher Politiker und Fußballspieler überrascht.

Nach wenigen Kilometern wechseln wir auf eine Sandpiste und müssen den Reifendruck reduzieren. Eine halbe Stunde später erreichen wir ein Beduinenzelt mit einigen Gehegen, in denen etwa 20 Kamele gehalten werden. Hier betreibt Saleh mit seiner Familie eine Kamelzucht. Wir werden zum Tee gebeten und erfahren, dass die für uns vorgesehenen Tiere noch unterwegs sind. Die Beduinenfamilie nutzt die Zeit und offeriert Steinchen und Pfeilspitzen. Um den Betrieb mit den Tieren nicht zu stören, schlagen wir unser Lager ein paar hundert Meter entfernt auf. Während wir beim Abendessen sitzen, ziehen Kamele majestätisch durch den Feuerball der untergehenden Sonne an uns vorbei.

Am nächsten Morgen dann die erste Begegnung mit unseren Reittieren. Saleh – ihr Besitzer – und sein Sohn Nasser führen sie heran. Sie sind etwas aufgeregt, gehen rückwärts, scheuen und reißen den Kopf nach oben. Zunächst begrüßen wir uns und erhalten eine erste Unterweisung. Die Tiere mögen es nicht, wenn sie mit dem Unterschenkel oder den Fersen angetrieben werden. Auch das vermeintlich liebevolle tätscheln im Kopfbereich ist unerwünscht. Kamelen begegnet man – begleitet von beruhigenden Lauten - sicheren Schrittes von vorn. Nun heißt es Aufsitzen. Saleh gibt ein langes Zischen von sich, das Zeichen für die Tiere, „in die Knie“ zu gehen und Vorder- und Hinterbeine regelrecht zusammen zu klappen. Anscheinend bereitet diese Prozedur dem Kamel Schmerzen, denn es gibt dabei protestierende Töne von sich. Das Aufsitzen ist aus dieser Position aber sehr bequem. Aufpassen heißt es allerdings, wenn das Kamel wieder aufsteht. Unversehens gerät man in Bewegungen, die dem Bull Riding auf dem Jahrmarkt ähneln. Ist das Kamel erst einmal aufgestanden, befindet sich der Kopf des Reiters in etwa drei Meter Höhe, so dass man unweigerlich damit beginnt, dort oben einen sicheren Halt zu ertasten. Unsere Tiere hatten alle einen mehr oder weniger stabilen Sattel, der hinten und vorne mit einem Halteriemen ausgerüstet war, so dass man sich gut festhalten konnte. Alle Tiere wurden nun miteinander verbandelt. Saleh nahm das Führseil und unsere kleine Karawane setzte sich in Bewegung.

Ganz langsam tauchen wir in die Wüste ein und bald ändern sich die Wahrnehmungen. Die Geräuschkulisse des Fahrzeugs und der Musikkassetten ist verstummt, stattdessen verschluckt der Sand alle Geräusche und es herrscht eine dumpfe Akustik wie in einem mit schwerem Material ausgelegten Raum. Es ist eine absolute Stille, die man – ähnlich wie erste wärmende Sonnenstrahlen – bewusst wahrnimmt und aufsaugt. Man fragt sich: ist es so still, weil der gewohnte Lärm fehlt oder weil man hier die Stille als Urzustand erlebt. Es gibt nur einen neuen Laut, nämlich das ständige Schnauben der Kamele, denen offenbar der Wüstenstaub in der Nase kitzelt.

Kamelnase:
schlitzförmige Nüstern, die ein Muskel bei Sandsturm schließt. Dahinter liegt eine Klimaanlage. In deren labyrinthischen Gängen wird der Wasserdampf der ausgeatmeten Luft absorbiert und zu Kühlung von Blut, Augen und Gehirn verwandt.

Sobald die Sonne über dem Horizont steht, werden die Temperaturen angenehm, eine schöne trockene Hitze und das Reiten wird gemütlicher. Wir sind jeden Tag sechs bis acht Stunden im Sattel, das Schaukeln ist nicht unangenehm, man kann die Tiere und Menschen beobachten, die Landschaft genießen, seinen Gedanken nachgehen, fotografieren und Filme wechseln und aus der Wasserflasche trinken. Das Tagebuchschreiben erwies sich allerdings als etwas problematisch, das ging nur buchstabenweise im Schritt.....

Wenn die Tiere unterwegs ein Kamelgras entdecken, steuern sie zielstrebig darauf zu und senken ruckartig den Kopf, um das Gras abzureißen. Diese Bewegung verursacht etwas Unbehagen, denn das ganze Wüstenschiff schaukelt dabei und man muss da oben das Gleichgewicht wahren. Wir sitzen auf einem mit mehreren Decken gepolsterten Sattel, der unmittelbar hinter dem flachen Höcker festgezurrt ist. Blitzschnell müssen wir dann nach dem Halteriemen greifen, um die Bewegungen des Kamels abzufangen.

Ansonsten sind seine Bewegungen sehr weich und man kann verschiedene bequeme Sitzhaltungen einnehmen. Ähnlich wie in einem Damensattel zu Pferde, kann man abwechselnd ein Bein überschlagen, so daß man leicht schräg zu sitzen kommt oder sich auch quer in den Sattel setzen. Aus dieser Position lässt es sich auch leicht absitzen, wenn man das Tier nicht auf die Knie zwingen will.

Höcker:
entgegen weit verbreitetet Meinung kein Wassertank, sondern ein in guten Zeiten angelegtes Fettreservoir. Wenn das Kamel in Notzeiten diese Energiereserve anzapft, wird dabei auch das im Fett chemisch gebundene Wasser freigesetzt.

Mein Kamel hört auf den Namen Dabbi und ich habe Zeit, seinen Kopf; Hals und das Ohrenspiel zu beobachten. Der Kopf befindet sich auf Höhe des Bauches des Vordertieres und immer wieder stupst Dabbi mit seiner Schnauze die Reiterin vor mir und fordert Beachtung, Futter und Streicheleinheiten. Das Tier hat einen schönen, schlanken Hals.

Augen und Ohren:
Lange Augenwimpern, starker Tränenfluss bei Sturm, kleine Abmessungen und starke Behaarung verhindern das Eindringen von Sand und Staub.

Das Fell ist gelockt und die Ohren reagieren auf alle Geräusche. Auch kann ich die Füße der Kamele studieren. Der Fuß und besonders die Sohle ist eine dicke Hornschwiele. Bei jedem Auftreten drückt sie sich wie ein Schwamm zusammen und spreizt sich, um nicht in den Sand einzusinken. Natürlich schützt sie auch gegen scharfkantige Steine und den heißen Boden.

So vergehen die Stunden und einige Pausen kommen gerade rechtzeitig, um das Eindösen zu verhindern. Dann sind die Autos wieder an unserer Seite. Abdul und Mubarak haben einen Tee oder gar das Essen vorbereitet. Zwischen den Autos spannen wir dann ein Sonnendach und pflegen besonders die Gesäßpartien in horizontaler Lage für die nächste Etappe.

Apropos Horizont; Die Aussicht aus der Höhe des Kamelrückens ist beeindruckend und es ist unmöglich, einen Horizont auszumachen. Wir bewegen uns auf ehemaligem Meeresgrund, geprägt von langgezogenen Ebenen, Tälern und Hochflächen. Eine entfernte Hügelkette, die wir gerade eben noch erkannt haben, ist Minuten später hinter einer Düne verschwunden, die wir erst jetzt wahrnehmen, da wir in ein vorher unsichtbares Tal geritten sind. Unerwartet tauchen andere Orientierungspunkte in Form von niedrigen Vulkankegeln auf. Sie stehen wie schwarze Hütchen einfach so in der Wüste und bieten einen interessanten Kontrast in dem rötlich-gelben Sandmeer.

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