Wind und Wetter geben den Dünen elegante Formen und Konturen. Besonders die Kante von Luv und Lee ist so scharf und exakt, wie sie nur die Natur oder ein Computer zeichnen kann. Die Sonne produziert in den Morgen- und Abendstunden ein beeindruckendes Spiel mit Licht und Schatten. Eine Düne kann in dieser an sich flachen Landschaft einen mehrere hundert Meter langen Schatten werfen. Immer muss man aber genau hinsehen, denn der vermeintliche Schatten könnte auch eine im Schatten liegende Erhebung sein. Überhaupt wird das Auge oft getäuscht. Die auf dem Boden liegende heiße Luft flimmert und produziert irreführende Spiegelungen, über die wir in unserer sicheren Situation leicht scherzen können. Man darf einfach gar nichts darauf geben, was die Physik einem da vorgaukelt. Auf meinem Kompass kann ich feststellen, dass wir stets nach Osten gehen. Saleh kennt sich perfekt aus und orientiert sich offenbar an diversen unveränderlichen Geländepunkten.

Während der Mittagspausen und nach erledigtem Tagespensum bekommen die Tiere zu fressen. Das Futter besteht aus Hirse und altem Brot und wird auf einem großen Haufen auf einer Plastikplane aufgetürmt. Die Kamele ordnen sich im Kreis darum herum und fressen ganz gelassen und ohne jede futterneidische Hektik. Ein friedliches, ja familiäres Bild. Kamele haben eine fleischige, gespaltene Oberlippe. Damit können sie auch geschickt dornige Zweige, z.B. von Akazien abreißen, die durch außerordentlich starken Speichelfluss im Maul ohne Verletzungsgefahr zermalmt werden. Dabei entstehen laute, kräftige Mahlgeräusche.

Nach dem Essen gibt es Wasser. Mubarak stellt dann eine Plastikschüssel auf, in die er Wasser über einen Schlauch aus dem Vorratsbehälter auf dem Wagen leitet. Am ersten Tag wollten die Tiere zunächst gar nicht trinken. Anscheinend waren die Reserven noch groß genug. Das Kamel ist Weltmeister im Wassersparen. Kein anderes Tier besitzt eine solche Fülle physiologischer Anpassungen an seinen extremen Lebensraum. Davon profitiert auch der Mensch, den es ohne Kamel in den Wüsten nicht geben würde.

Blut:
Die roten Blutkörperchen vermögen sich auf das Zweihundertfache ihres normalen Volumens aufzublähen, um Flüssigkeit aufzunehmen.

Magensystem:
Ein Kamel ist in der Lage, innerhalb von 15 Minuten 200 Liter Wasser zu saufen. In einem von 3 Vormägen befinden sich 800 große Speicherzellen, in denen Wasser und Nährstoffe eingelagert werden, die dem Tier während langer Hunger- und Durstperioden wieder zufließen.

Nieren:
Durch eine besondere Konstruktion und die extrem lange sogenannte Henlesche Schleife wird viel Wasser aus dem Harn re-sorbiert und in den Organismus zurückgeführt. Die Urinverdickung ermöglicht Kamelen, Salzwasser zu saufen und salzhaltige Pflanzen zu fressen.

Wenn wir einen geeigneten Übernachtungsplatz gefunden haben, werden sofort die Zelte aufgebaut und der Schlafplatz bereitet, die Zahnbürste gerichtet, denn eine Dämmerung wie bei uns gibt es hier so gut wie nicht. Geschlafen wird in zwei-Mann-Zelten unter 1000 Sternen immer hervorragend.

Heute ist Heilig Abend. Schon unterwegs haben wir alle bekannten Weihnachts- und Winterlieder mehrstimmig einstudiert.Die Küchenarbeit ist heute nicht so gerecht verteilt wie sonst. Wir haben es uns nämlich nicht nehmen lassen, nach bewährtem Rezept Fonduesoßen zuzubereiten, dazu gibt’s Hähnchen - ein wahrer Festschmaus in der Rub Al Khali.

Während der Essensvorbereitungen hat Nasser eine Feuerstelle vorbereitet. Aus einem kleinen Funken entfacht er durch vorsichtiges Blasen ein Lagerfeuer. Jetzt wird erst mal Tee gekocht. Ohne Tee geht gar nichts. Wir sitzen um das Feuer herum, lesen die Weihnachtsgeschichte, sprechen ein Gebet, rauchen eine Wasserpfeife, kleine Geschenke werden ausgetauscht. Frieden – ist auch hier der drängendste Wunsch – besonders für den Irak und für Palästina. Dann entwickelt sich ein deutsch-jemenitischer Gesangsabend. Wir singen die eingeübten Weihnachtlieder. Das sind ganz neue Töne für die Ohren unserer Gastgeber. Saleh ist begeistert, wir sollen immer weiter singen. Dann stimmt Saleh Gesänge an und die anderen tanzen dazu. Ihre Gesichter und die Klingen der Djambias funkeln im Feuerschein.

Für die Kerzen war es leider zu windig, dafür haben wir zehn große Wunderkerzen abgebrannt, was für die Einheimischen fast ein Wunder war. Gestört hat eigentlich nur die Handy-Verbindung zur Außenwelt, sprich Deutschland und der Rest der Welt, was vor ein paar Jahren noch undenkbar war, aber nun bestens funktioniert.

Da, was hat sich denn da so blitzschnell auf dem blauen Campingtisch bewegt? Mubarak hat doch tatsächlich eine wunderschöne weiße Wüstenmaus für uns gefangen. So ein kleines hübsches Tier mit einem sehr langen Schwanz. Von wegen alleine in der Wüste!

In der lustigen Runde gibt es jetzt keine Berührungsängste mehr. Wir wechseln die Kategorie, von „Tourist“ in „interessierte Besucher“, und man gewährt uns mehr und mehr Einblicke in den Alltag mit den Sorgen und Nöten dieser Menschen. Unsererseits wächst der Respekt vor diesen stolzen Bewohnern der Wüste. Sie haben in der Religion eine feste Lebensgrundlage, sind gradlinig, lustig, naturverbunden und sehr gastfreundlich. Sie zeigen - ebenso wie wir - Interesse an der jeweils anderen Kultur, Religion und Lebensart. Sie leben in einfachsten Verhältnissen, müssen Wasser und Nahrung oft von weit her holen – und sind trotzdem sehr zufrieden.

Im Umgang mit anderen sind sie respektvoll und zeigen Stil und Würde. Einmal trafen wir eine andere Beduinenfamilie, die mit dem Jeep unterwegs war, um Kamelgras zu sammeln. Ihr Anführer und Saleh gingen mit Haltung aufeinander zu und begrüßten sich nach dem Brauch der Gegend. Keiner schätzte den anderen ab. Sie waren beide gleich und wünschten sich gegenseitig Gottes Segen.

Saleh war der weise Kopf unserer Gruppe. Er ruhte in sich – mit Allah. Man sah es ihm an, nichts konnte ihn aus seinem Rhythmus bringen und er schenkte uns das Erlebnis Kameltour mit Freude und Hingabe. Wir dürfen uns jetzt zu seinen Freunden zählen, für die er immer ein Kamel bereithält.

Nasser hat einen Brotteig angesetzt. Er schaufelt mit der Hand eine kleine Mulde aus dem Sand. Dort hinein streicht er glühende Holzstückchen vom Lagerfeuer. Darauf legt er den zu einem Brot geformten Teig. Darüber kommt die restliche Holzkohle und darüber wieder ein Berg Sand. Nach einer Dreiviertelstunde gräbt er das Brot wieder aus, klopft die Asche und den Sand ab und fertig ist ein herrlich schmeckendes, frisches Wüstenbrot.

Solche Picknicks am Lagerfeuer produzieren auch Abfall. Unterwegs hatten wir schon wiederholt Reste verbrannter Abfälle gesehen. Darauf angesprochen, erwiderte unser Reisebegleiter, „italienische Reisegruppen“ wären die Verursacher. Heute, da die Kameltour zu Ende geht und wir wieder in das Auto umsteigen, wird die Lagerstätte aufgeräumt. Der Abfall der letzten Tage kommt auf einen Haufen und wird zu unserer Verwunderung angezündet. Wieder spreche ich unsere Begleiter an und erinnere ihn an die „italienischen Reisegruppen“. Er bemerkt seinen Fehler, findet aber nur eine fadenscheinige Ausrede.

Wie schon gesagt, sind wir nahe Shabwa am Ende unseres Kameltripps angekommen und campieren nahe eines mächtigen schwarzen Vulkanberges. Am nächsten Morgen ist die Temperatur auf sieben Grad gesunken. Wir sind dankbar, dass die Beduinen schon ein Feuer gemacht haben und der leckere Bedutee fertig ist. Die Stimmung ist aber trotzdem traurig, denn wir müssen Abschied nehmen von Mensch und Tier. Gerade haben sich die Kamele an unsere Stimmen gewöhnt und sind richtig zutraulich geworden, wenn wir Futter oder Wasser gebracht oder uns einfach nur bei ihnen angeschmiegt haben. Die Tage mit Saleh und Nasser werden uns unvergesslich bleiben. Zum Abschied schenkten sie uns Pfeilspitzen, die sie während ihres Fußmarsches entdeckt und gesammelt hatten. Die spontane Freundschaft, mit der wir hier aufgenommen und begleitet wurden war ein sehr beindruckendes Erlebnis.


Irene und Hans Ebermann

2005