Sokotra: Die Insel zum Sein
Auf einem der letzten Naturmuseen der Welt Stille – nichts als

Stille: Auf Sokotra, der Insel des „Glücks“, erhält der Ausdruck eine neue Bedeutung. Wer über die staubigen, vom Monsun ausgewaschenen Pisten dahinschaukelt, gemächlich an bizarren Drachenblut- und weit auskragenden Weihrauchbäumen, kristallklaren Süßwasserbecken und Bergmassiven vorbeifährt, an denen sich die Wolken zu merkwürdigen Gebilden verfangen haben, der erfährt Stille ganz neu. Abstand gewinnen, in sich hineinhorchen, Natur neu wahrnehmen: das Archipel im Indischen Ozean bietet all dies und mehr – vorausgesetzt, der Gast lässt sich ein auf das grandiose Naturschauspiel, fühlt sich nicht verstört, wenn er tagelang kaum einer Menschenseele begegnet, ist bereit, nach einer Nacht am Meer im klammen Schlafsack zu erwachen oder sein Quartier unter einem einfachen Palmdach aufzuschlagen. Natürlich ist das Glück, das Sokotra den Namen gab, eine Frage des persönlichen Empfindens. Offiziell stellt die Insel den ärmsten Teil des Jemen dar. Die Einheimischen außerhalb der Hauptstadt Hadibu leben in der Mehrzahl unter der Armutsgrenze - ohne Elektrizität und fließendes Wasser, in einfachen, fensterlosen Steinhütten, die sich fernab der wenigen asphaltierten Straßen zu kleinen Streusiedlungen zusammenfinden. Auch für den typischen Pauschaltouristen, der Urlaubsglück mit Vier-Sterne-Service, faulen Nachmittagen am Pool und feuchtfröhlichen Abenden an der Hotelbar verbindet, ist Sokotra kein erstrebenswertes Ferienziel. Dabei hat die Insel, die 240 Kilometer von der Küste Somalias entfernt liegt, rein äußerlich all das zu bieten, was ein Touristenherz ins Schwärmen bringt: kilometerlangen, blütenweißen Sandstrand, azurblaues Meer, ein Paradies für Taucher und Schnorchler, einsame Lagunen, dichte Palmenwälder. Eine Reise nach Sokotra beginnt bereits im Flugzeug mit einer grandiosen Perspektive: Wie eine Perlenkette schlingt sich der blütenweiße Sandstrand um den Archipel. Die Hauptstadt, wo zwei Hotels mit einfachen Zimmern die vielen Wissenschaftler, meist im Auftrag der UNOEntwicklungshilfeorganisation unterwegs, und die wenigen Touristen beherbergen, bestimmen flache Steinbauten das Bild vor der Kulisse des gewaltigen Haghir-Gebirges. Die nach außen fensterlosen Häuser gruppieren sich um Innenhöfe, in denen jeweils eine einzelne Dattelpalme etwas grünen Schmuck darstellt. Im Landcruiser kutschiert der Socotri Abdullatif seine Gäste im Schritttempo über die unwegsame Piste quer über die 40 Kilometer breite Insel nach Nojad. Alles, was für den Ausflug zum Übernachten, Kochen, Essen, Waschen und Bekleiden benötigt wird, wird auf dem Dach und im Kofferraum verstaut. In den kleinen, oft nur während der Dattelernte bewohnten Dörfern, in den wenigen ausgewiesenen Quartieren unter freiem Himmel und am Strand gibt es weder Restaurants noch Cafés, weder Geschäfte noch Hotels. Abdullatif lenkt das robuste Fahrzeug hinauf zu den Granittürmen des mächtigen Haghir-Gebirges, hinein in turmhohe Höhlen, in denen verlassene Feuerstellen davon zeugen, dass hier die Einheimischen während der Monsunzeit Unterschlupf finden, hinunter zu schütterem Buschland, dessen Gras in die Fußsohlen sticht wie spitze Nadeln, und zu dichten Palmenwäldern mit glasklaren Süßwasserbecken, an deren Uferränder seltene Orchideen ihren Duft versprühen. Lautlos drehen über den Köpfen der Reisenden die Schmutzgeier, die weltweit größte Population dieser Ordnungsvögel, ihre Runden, während zu den Füßen Riesenspinnen in ihren Netzen auf Beute warten. Das Abenteuer Sokotra haben angesichts der vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt früher vor allem Botaniker und Biologen gewagt. Für sie besteht die Anziehungskraft der „Insel der Glücks“ vor allem in ihrem einmaligen Reichtum an Flora und Fauna, den die Insel einem glücklichen Umstand zu verdanken hat: Noch bis vor wenigen Jahren war sie von der Außenwelt fast das ganze Jahr hindurch abgeschnitten. Einen Verkehrsflughafen gibt es erst seit 1999. Vorher landeten nur selten ein paar kleinen Flieger auf der unwegsamen Schotterpiste von Mori. Auch ein sicherer Zugang per Schiff war nur von Ende November bis Anfang April möglich. Im Sommer toben auf dem Archipel schwere Monsunstürme, noch im Oktober ist mit heftigem Dauerregen zu rechnen. Dieser Isolation, verursacht durch eine seit 15 Millionen Jahren fehlende Landverbindung zum Horn von Afrika, verdankt der aus vier Inseln bestehende Archipel seine Charakterisierung als „Galapagos des Indischen Ozeans“. Weltweit gibt es nach Einschätzung der Vereinten Nationen kein zweites Gebiet, dessen ökologisches Gleichgewicht so im Lot ist wie auf Sokotra. Etwa 30 Prozent aller Pflanzen kommen nur hier und nirgends sonst auf dem Erdball vor. Auch die Tierwelt verfügt über einen einmaligen Reichtum an Endemiten. Von den über 100 Vogelsorten gelten allein sieben als einzigartig. Als eine der zehn Inselgruppen der Erde mit den meisten endemischen Formen erklärte die UNESCO Sokotra deshalb 2003 zum „Mensch- und Biosphären- Reservat“. Ein Schutzprogramm, das die Inseln in vier unterschiedliche Zonen unterteilt, soll dieses einzigartige Naturmuseum für die Nachwelt erhalten. Verantwortlich für die Umsetzung ist das United Nations Development Programm (UNDP), das seit 1996 Wissenschaftler, Naturschützer, Ethnologen und Geographen auf das Archipel schickt. Projektmanager Achmad Saeid Suliman schwärmt in seinem Büro in der Hauptstadt Hadibu von der guten Zusammenarbeit der Projektunterstützer, zu denen neben der Republik Jemen auch die Regierungen der Niederlande, von Italien und Polen gehören. Zum außergewöhnlichen Naturerbe gesellt sich auf Sokotra eine ebenso einmalige Geschichte, die ihr Glück aus einem Reichtum an Legenden und Mythen ist. Durch die exponierte Lage am südlichen Eingang zum Roten Meer, den Reichtum an Süßwasser, Weihrauch, Myrrhe und Aloe, kam dem Archipel bereits in der Antike eine große Bedeutung zu. Zu den Zeiten Abrahams reisten Händler aus Ägypten, Afrika, Indien und Arabien auf die Insel. Die alten Ägypter verehrten Sokotra als die „Insel der Götter“. Mit dem Harz der heiligen Bäume balsamierten sie ihre Mumien ein. Das hadramische Königreich wickelte über Qana, das heutige Bir Ali, seinen Handel ab. Der Apostel Paulus soll im ersten Jahrhundert nach Christus auf Sokotra sogar eine christliche Gemeinde gegründet haben. 524, so ein Reisender, unterstand der Archipel dem Nestor Katholikus von Babylonien. Im Jahr 900 ging von Sokotra die Missionierung des Jemen aus. Als Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts auf dem Weg nach China auf der Insel Station machte, waren die Kirchen sogar noch vorhanden.

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