Mehr als ein Jahrtausend lang war die Bevölkerung christlich, bis sie im 15. Jahrhundert unter die Herrschaft südarabischer Königreiche geriet. Als sich der Sultan von Quishn 1834 weigerte, die Insel den Briten zu übergeben, wurde sie von der East Indian Company besetzt. Von 1876 bis 1967 unterstand sie der britischen Verwaltung. Heute gehört Sokotra zur Republik Jemen. Während sich im Küstenbereich eine gemischtrassige Bevölkerung aus Arabern, Indern, Afrikanern und Portugiesen niedergelassen hat, lebt in der Bergregion eine Urbevölkerung, die noch eine uralte, ungeschriebene südarabische Sprache pflegt. Angesichts dieser historischen, botanischen und biologischen Einmaligkeit ist der Tourismus Fluch und Segen zugleich: Auswärtige Investoren stehen mit ehrgeizigen Plänen für Bettenburgen und Golfplätze bereits in den Startlöchern. Begehrtestes Ziel: der Korallenstrand von Delisha, 15 Kilometer von der Hauptstadt Hadibu entfernt. Achmad Saeid Suliman sieht im Massentourismus jedoch das diffizile ökologische Gleichgewicht der Insel in Gefahr. Er setzt auf einen sanften Tourismus für Menschen, welche die Einsamkeit einer unberührten Landschaft dem Hoteltrubel vorziehen, die beim Betrachten von Naturschönheiten eher ihr Glück finden als auf dem englischen Rasen eines Ferienparks. Auf seinen Reisen entlang der Küsten oder durch die Bergregionen trifft der Reisende Menschen, die noch so autark und einfach leben wie vor Jahrhunderten. Stolz sind die Einheimischen auch auf ihre kulturelle Eigenständigkeit: Wer Glück hat, wird von ihnen spontan eingeladen zu einem Tanzfest, das in einem nur spärlich beleuchteten, dörflichem Innenhof in leuchtend-bunte Tücher gehüllte Frauen und Männer zusammenführt. Zu eintönigen Trommelklängen stampfen die stark geschminkten und mit reichlich Schmuck behängten Tänzerinnen und ihre Begleiter zur Musik – andächtig und versunken in den Rhythmus vergessen sie Raum und Zeit. Ähnlich ergeht es dem Touristen, wenn der Landcruiser bei seinen Ausflügen über die Insel vor den bis zu acht Meter hohen, bizarren Drachenblutbäumen, den Wahrzeichen Sokotras, Halt macht. Der Name des Baums, so eine Legende, geht auf die Bluttat von Kain und Abel zurück. Eine andere Sage erzählt vom Kampf eines Drachen mit einem Elefanten. Aus dem Blut der beiden Tiere, die hierbei den Tod fanden, entstand der Baum, berichten Einheimische. In der Tat fließt aus der Rinde ein durchsichtiges, rötlich-braunes Harz. Das Drachenblut wird in der Medizin und als Farbstoff für Marmor, Leder und Holz eingesetzt. Auf den Anhöhen des Kalksteinplateaus von Sokotra schlängeln sich Gurken- und Flaschenbäume mit ihren geschwollenen Stämmen, daneben stehen knorrige Weihrauchbäume, von denen auf Sokotra allein sieben Arten vertreten sind. „Wollen Sie noch etwas Schöneres sehen?“ fragt Abdullatif und lacht seine Reisegruppe vielversprechend an. Wenige Minuten später ist das ganze Reisegebäck in einem kleinen Fischerboot verstaut und tuckert von Qalansiya aus an einer felsigen Küste vorbei ins offene Meer. Nach rund einstündiger Fahrt eröffnet sich eine kleine Bucht mit feinstem Sandstrand, die der Führer als Strand- und Nachtlager ausgewählt hat. Zum Abendessen zieht der Fischer und Bootseigner mit einem einfachen Nylonfaden einen Fisch aus dem Meer. Zwischendurch taucht wie aus dem Nichts ein zweites Boot auf – eine festlich gekleidete Gruppe Einheimischer, ist singend auf dem Weg zu einer Hochzeit. Zurück auf dem Meer zeigt Abdullatif, dass er keine leeren Versprechen gemacht hat: Vor den Augen der Bootsausflügler springen wie auf sein Kommando fast 100 Delphine aus dem türkisklaren Wasser der Arabischen See – in langer, auf und ab tauchender Formation begleiten sie das Boot. Auf den Gesichtern der Insassen, die entrückt dem einmaligen Schauspiel folgen, ist abzulesen: Das muss Glück sein. Sokotras Tierwelt ist in der Tat weltweit einzigartig. 90 Prozent aller Reptilien, die auf der Insel leben, sind endemisch – unter ihnen gibt es allein 13 Gecko-Arten. Nachts gehört die Insel den großen, weißen Geisterkrabben, die bei ihrer Futter- und Weibchenjagd nicht selten auch verstohlen an den Zeltwänden kratzen. In den Palmwäldern spüren die Einheimischen die Schaum- oder Zibetkatzen auf, um aus ihren Drüsen das Sekret herauszudrücken. Daraus wird ein Duftstoff gewonnen, aus dem Parfüm hergestellt wird. Eine Ausbeutung, bei der die Tiere nicht getötet, sondern nur kurzfristig gefangen genommen werden. Sokotra ist außerdem das Vogelparadies im Nahen Osten: Von den über 100 Vogelsorten gelten sieben als einzigartig. Einheimische Säugetiere sind hier jedoch nicht zu finden – ebenso wenig wie Hunde oder Hühner. Nutztiere wie Ziegen, Schafe, Rinder, Dromedare und Esel wurden eingeführt. Vor allem die vielen Ziegen, die in den dichter besiedelten Gebieten nahe der Hauptstadt Hadibu das Bild der Ebenen prägen, führen zu einer zunehmenden Überweidung. Mit der Folge, dass junge Pflanzen nur schwer gedeihen und die Population der berühmten Drachenbäume bereits nachgelassen hat. In den entlegenen Regionen ist der schonungsvolle Umgang mit der Natur noch allgegenwärtig: Die Einheimischen entnehmen dem Land nur das, was sie zum Überleben und für den bescheidenen Handel mit Fisch und Datteln benötigen: Holzschlag, Anbau und Fischerei befinden sich hier im Einklang. Trotzdem ist der Einfluss des Festlandes auch auf Sokotra spürbar: Rund 8.000 der geschätzten 55.000 Einwohner arbeiten als Gastarbeiter in den Golfstaaten, auf deren Transferleistungen kaum verzichtet werden kann. Die intellektuellen Köpfe des Archipels, das keinerlei Industrie aufweist, jedoch über ein gutes Schulsystem verfügt, setzen auf neue Einnahmequellen durch den Ökotourismus. 2003 gründeten sie die Socotra Eco-tourism Society (SES). Die SES stellt örtliche Führer, Dolmetscher, Vogelkundler und Botaniker, gibt Informationsschriften heraus und lenkt die 600 Touristen in ausgewiesene Pfade. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, gehört zu den Glücklichen.
© Dagmar Dieterle

Anreise: Verbindungen aus Deutschland nach Sokotra mit Yemen Airways über Sana’a, dreimal wöchentlich, Weiterflug jeden Freitag über Mukalla, montags über Aden. Das Ticket in der Economy Class kostet ab Frankfurt je nach Buchung rund 600 Euro. Für Tauchgepäck gibt es eine Spezialrate.
Unterkunft: in der Hauptstadt Hadibu im Summerland Hotel, außerhalb in Zelten oder unter freiem Himmel Veranstalter: Jemen-Reisen organisiert von November bis April Touren in kleinen Gruppen nach Sokotra. Die Reisen können auch in Verbindung mit einer Reise durch das Wadi Hadramaut oder den Bergjemen kombiniert werden.
Weitere Informationen unter: www.jemen-reisen.de
sowie Socotra Eco-tourism Society (SES), w.socotraisland.org/ses