Udo Agnesens
Es war unser erster Urlaub im Jemen. Am 25. Dezember 2003 landeten
wir am Flughafen in Sana’a. Abdulfatah Al-Sharei holte uns mit
seinen Fahrern und zwei Jeeps vom Flughafen ab. Der erste Eindruck
von der nächtlichen Stadt war imposant. Wir fuhren über
großzügig angelegte straßen in die jemenitische Hauptstadt.
Der Asphalt war in spürbar gepflegterem Zustand als das, was
wir von Berlin gewohnt waren. Die straße war gesäumt von kleinen
Reparaturbuden, Geschäften, in denen von weißen Brautkleidern
bis hin zu Filmen der Marke Kodak alles geboten wurde. Der alte Stadtkern
Sana’as liegt innerhalb der restaurierten Stadtmauer. Diese
ist umschlossen von einem Wadi mit der Funktion eines Wallgrabens,
welcher frisch asphaltiert im Winter als Hauptumgehungsstraße dient.
Während der Regenzeit im Sommer ist er allerdings gelegentlich
mit Wasser gefüllt, wie uns Abdulfatah berichtete. Direkt hinter
der Stadtmauer liegt das Hotel Arabia Felix. Es ist ein Jahrhunderte
altes Gemäuer in stilecht renoviertem Zustand. Lediglich die
Toiletten sind dem europäischen Standard entsprechend eingerichtet.
Nach einem angeregtem Plausch bei Tee und einer Kleinigkeit zu essen
begaben wir uns auf unsere gemütlichen Zimmer mit den landestypischen
buntverglasten und fein ornamentierten Fensterchen.
Der Morgen begann mit dem Ruf des Muezzin. Eine weiche Stimme in ebenso
ruhiger wie anmutiger Melodik holte uns aus erholsamen Schlaf. Nach
schmackhaftem Frühstück stand ein Besuch des Marktes von
Sana’a an. Lebhaftes Treiben erwartete uns in den geschäftigen
Gässchen. Gewürze, Stoffe, Gemüse, Früchte und
Lädchen mit Tüchern, Galabeya, Wasserpfeifen und Schmuck
luden uns ein zu verweilen und in die arabische Welt des Handelns
einzutauchen. Jeder aus unserer sechsköpfigen Reisegruppe trug
binnen Kurzem das ein oder andere erstandene Kleinod bei sich. Ich
hatte die in den Räumen eines Frauenselbsthilfeprojektes erstandene
Galabeya gleich angezogen und das kurz darauf erworbene Tuch mir vom
Händler nach fürsorglicher Anleitung um den Kopf gewickelt.
Natürlich wollten andere Händler mir in dieser Gewandung
gleich den nun noch fehlenden Gürtel samt Djambia, dem arabischen
Krummdolch verkaufen.
Am Sonntag brachen wir früh in Richtung Taiz, der früheren
Hauptstadt Jemens auf. Wir langten erst abends an und begnügten
uns mit einem Marktbesuch und einem schmackhaften Abendessen in einer
Garküche.
Unser nächstes Reiseziel war das gut 2500 m tiefer gelegene Mokka
am Roten Meer. Mokka war der wohl bedeutendste Handelsplatz für
Kaffee. Das Bild der antiken Hafenstadt ist geprägt von den Ruinen
der alten Handels und Lagerhäuser. In Mokka weht ein beständiger
starker Wind vom Meer. Im Winter ist dieser noch erträglich,
doch erreicht er im Sommer bereits Sturmstärke.
Nach dem Besuch des Fischmarktes und einem Essen in einem abenteuerlichen
Fischrestaurant setzten wir unseren Weg Richtung Al’Kokha vor.
Es ging durch Küstenwüste und am Strand weiter. Auffällig
war die Hüttenarchitektur in dieser Gegend, deren Bauform offensichtlich
vom afrikanischen Nachbarkontinent stammte. Auf der anderen Seite
des Roten Meeres ist gleich Somalia.
In Al’Kokha steht die wohl älteste Moschee des Jemen. Wir
nächtigten in einem Touristenhotel direkt am Strand und nutzten
die warme Abendsonne zu einem Bad im warmen Wasser des Roten Meeres.
Den Rest des Abends saßen wir mit anderen Gästen des Hotels
in gemütlichem Kreis im Palmengarten des Hotels, lauschten der
jemenitischen Musik mit Gesang, begleitet von den Klängen der
Oud und den Rhythmen der Tablas. Unsere jemenitischen Freunde mühten
sich redlich uns die dazugehörigen Tanzschritte beizubringen.
Am kommenden Tag besuchten wir das Städtchen Zabid. Wir besichtigten
die Moschee, die zum Weltkulturerbe gehört, also ein Muss für
den Jemenreisenden. Die ursprüngliche Moschee im arabischen Baustil
ist in der Zeit der türkischen Vorherrschaft um Gebäudekomplexe
im osmanischen Stil erweitert worden. Heute beherbergt der Innenhof
ein von kanadischen Archäologen errichtetes Museum.
Auf dem Weg zu unserem nächsten Reiseziel Menacha machten wir
Pause in einem kleinen Örtchen, um eine Tuchweberei zu besuchen.
Unter einem einfachen Dach aus Reisig arbeiteten vier Weber an zwei
traditionellen Webstühlen Stoffe und Tücher in Baumwolle,
Leinen und Seide in herrlichen Farben und ebenso schlichten wie eindrucksvollen
Mustern. Natürlich wechselten etliche dieser wunderbaren Tücher
in die Hände ihrer glücklichen neuen Besitzer.
Menacha ist ein malerisches Gebirgsstädtchen unterhalb eines
Berggipfels gelegen. Sein Stadtbild ist geprägt von einer sich
zwischen den enger rückenden Häusern verschwindenden Hauptstraße
und etlichen schmalen Gässchen und steilen Treppchen, gesäumt
von kleinsten Lädchen, in denen wir auch die zierlich ornamentierten
jemenitischen Fensterchen entdecken konnten. Von der Größe
eines Handtellers bis hin zum eindrucksvollen Rundfenster ....
Am folgenden Tag besuchten wir ein nahe gelegenes Heiligtum der Ismaeliten.
Auf einem steil aufragendem Gipfel befindet sich eine Meditationszelle
mit einem Regenwasserbad. Die Vorstellung, für einige Zeit in
dieser Kleinstwelt über Sinn oder Nichtsinn meditierend zu verweilen
ist nicht ohne Reiz.
Anschließend machten wir eine kleine Bergtour auf den Jebel
Kahel über ein einsam gelegenes malerisches Bergdorf, das wir
mit Einsetzen der Abenddämmerung erreichten. Mit einem französischen
Paar und einem Japaner, welche ich in dem halbverlassenen Bergdörfchen
traf, tauschte ich mich über noch sehr frische Reiseeindrücke
aus. Für mich waren einige Anregungen für meinen nächsten
Jemenausflug darunter.
Unsere letzte Station vor Sana’a war das auf einem Hochplateau
gelegene Kaukaban. Von diesem in einem jemenitischen Canyon gelegenen
turmartig aufgereckten Tafelberg genossen wir eine herrliche Aussicht
auf die jemenitische Gebirgslandschaft. In einem traumhaften arabischen
Hotelzimmer genossen wir den letzten Abend vor unserer Rückkehr
nach Sana’a. Am nächsten Morgen stiegen wir von Kaukaban
nach dem am Fuße des Berges gelegenen Shiban ab.
Nach unserer Rückkehr in Sana’a saßen wir voller
lebhafter Eindrücke noch einige Stunden mit unseren uns in den
vergangenen Tagen sehr an Herz gewachsenen jemenitischen Freunden
zusammen. Wir kauten Kat, tranken Tee und fühlten uns einfach
wohl in dieser herzlichen Runde. Nach einem abschließenden gemeinsamen
Essen im Hotel fuhren uns unsere Fahrer zum Flughafen, und es hieß
Abschied nehmen - bis zum hoffentlich baldigen Wiedersehen in Sana’a.
Udo Agnesens, Januar 2004